Von: Eva Hoffmann
Gregor Bloéb im OÖN-Interview: Franz Jägerstätters Liebe
OÖ Nachrichten, 22. März 2013 - Mit der Uraufführung des sensiblen Stücks „Jägerstätter“ geht Schauspieler Gregor Bloéb in seine letzte Saison als Intendant des Theatersommers Haag: Felix Mitterers Schauspiel erzählt die Geschichte Franz Jägerstätters.

In Felix Mitterers Stück »Jägerstätter« steht Gregor Bloéb beim Theatersommer Haag in der Hauptrolle auf der Bühne. Bild: Volker Weihbold
Boéb selbst steht von 3. Juli bis 9. August als Franz Jägerstätter auf der Bühne. Eine Rolle, die ihn schon als Jugendlichen fasziniert hat. Ein Gespräch über wahre Liebe, Überzeugungen und der Notwendigkeit, in unserer Zeit nicht mehr mitzugehen, wenn es reicht.
Sie haben sich diese Saison ein sehr sensibles Thema zu bearbeiten vorgenommen. Was fasziniert Sie am Mensch Jägerstätter?
Bloéb: Jägerstätter hat mich schon in meiner Jugend beeindruckt. Damals habe ich Axel Cortis Verfilmung gesehen. Was mich fasziniert, sind Menschen, die Entscheidungen treffen und welche Auswirkungen diese für das direkte Umfeld, für die Familie haben. Dass solche Entscheidungen dann auch weltumspannende Folgen haben - der Fall Jägerstätter beeinflusste das zweite vatikanische Konzil - ist ja nicht immer von vornherein klar. Wichtig ist, dass es Dinge im Leben gibt, die man einfach tun muss. Auch wenn alle sagen: Was soll der Blödsinn?
Was ist die große Herausforderung am Stück?
Im Zuge seiner Recherchen zum Stück hat Felix Mitterer Jägerstätteres Witwe Franziska in St. Radegund besucht. Dabei hat er gemerkt, dass es hier im Grunde um eine große Liebesgeschichte geht – die Liebe zwischen Franz und Franziska. Sie hat gesagt, sie hätten es wahnsinnig schön und lustig gehabt. Bis die Nazis gekommen sind. Diese Liebe der beiden darzustellen, ist die wirklich große Herausforderung. Natürlich ist im Stück auch der Glaube Thema ein wichtiges Thema, aber das handeln wir sachlich ab. Das Interessante ist das Zwischenmenschliche.
Hat die Kirche Jägerstätter erst im Nachhinein vereinnahmt und ihn vorher im Stich gelassen? Wie schwierig ist es, jedem gerecht zu werden?
Eines ist klar: Die Kirche hat Franz Jägerstätter alleine gelassen. Seine Verweigerung ist damals bis zur obersten Instanz, bis zum Bischof, gegangen. Er wurde seitens der Kirche dazu gedrängt, gegen seine Überzeugung in den Krieg zu ziehen. Aufgrund seiner Entscheidung distanzierte sich die Kirche dann von ihm. Das ist auch verbrieft. Es ist aber auch Tatsache, dass er 2007 selig gesprochen wurde und seitdem von der Kirche vereinnahmt wird. Aber irgendwie ist das sogar zu verstehen: Wenn man auf einmal einen Helden hat, dann pusht man ihn. Und auf die Frage, ob es schwierig ist, jedem gerecht zu werden, frage ich mich: Wem sollen wir gerecht werden und warum? Wir „müssen“ ja niemandem gerecht werden.
Sehen Sie zwischen sich und Franz Jägerstätter Parallelen?
Ich traue mich nicht mit einem Menschen wie Jägerstätter zu vergleichen, der das Leben gegeben hat. Wenn ich aber suche, finde ich die eine oder andere Ähnlichkeit. Ich kann durchaus ein sturer „Deifel“ sein, in dem ich Dinge, an die ich glaube, ohne wenn und aber durchziehe. Ein im Vergleich banales, lächerliches Beispiel: Trotz Widerstandes in der Familie haben mein Bruder (Schauspieler Tobias Moretti, Anm.) und ich das „Africa Race Paris-Dakar“, die Motorrad-Rallye, durchgezogen. Alle haben um uns gezittert, aber ich musste das tun. Was mich mit Jägerstätter noch verbinden könnte ist, dass ich außerdem auch ein absolut lebensbejahender Mensch bin und die Liebe liebe.
Ein kleines bisschen Jägerstätter in sich könnte also keinem schaden?
Das stimmt. Es gibt Momente im Leben, in denen man sagen muss: Stop. Bis hierher und keinen Schritt weiter. Wir leben aber in einer wahnsinnig feschen Zeit des Durchwurschtelns. Weil ja eh alles okay ist. Wir sind zugemüllt mit Millionen von Informationen und niemand kann mehr selbst entscheiden, was richtig oder was falsch ist. Zu hinterfragen ist viel schwieriger als damals.
Braucht unsere Zeit wie damals diese Entscheidungen ohne Rücksicht auf Verluste?
Wo ist es notwendig? Das ist die Frage. Wann ist es notwendig, die erste Bank zu sprengen? Wann sind wir genug beschissen worden? Die einen streichen sich die Millionen ein, die anderen haben ihr Leben lang gearbeitet und bekommen keine Pension. Oder erst gar keinen Ausbildungsplatz und keine Arbeit. Die Frage ist, wann ist es so weit? Wann stürmen wir das Finanzamt?
Sie haben Franziska Jägerstätter zu ihrem 100. Geburtstag besucht, vor wenigen Tagen ist sie verstorben. Wie war das Zusammentreffen?
Die Franziska ist jetzt zu ihrem Franz gegangen und wird auch bei ihm bleiben. Ich freue mich für die beiden, dass sie nun in ihrer Liebe vereint sind. Für mich war es sehr wichtig, sie noch einmal gesehen zu haben. Franziska war Zeit ihres Lebens eine beeindruckende Frau.
Haben Sie Angst davor, sie könnte Ihre Interpretation des Lebens ihres Mannes nicht gut heißen?
Felix Mitterer war mit Franziska sehr viel beisammen und hat viel mit ihr geredet – er wollte das Stück dann eigentlich „Franz und Franziska“ nennen. Den Ansatz der Liebe hat Franziska gut geheißen. Und das Stück ist ja nicht dunkel und trist, sondern durchaus humorvoll und lebensfroh. Es zeigt zwei junge Menschen, die sich geliebt haben und Freude am Leben hatten. Franziska war eine unglaublich humorvolle Person. Axel Cortis Verfilmung mit Kurt Weinzierl in der Hauptrolle war ihr zu trist. Außerdem hat sie immer gesagt, ihr Franzl sei viel fescher gewesen, als im Film dargestellt. Da war sie direkt froh, dass ich beim Theaterstück ihren Franzl verkörpere (lacht laut). Auf ihrem Nachtkastl hatte sie ein Foto stehen, auf dem ich auf dem Motorrad sitze. Kein Schmäh. Das hat sie so toll gefunden, weil ihr Franzl auch als erster ein Motorrad gehabt hat. Das Wichtigste war ihr, dass ihr Franzl so fesch war. Ist das nicht groß? Das ist Liebe. Da ist der schon 70 Jahre tot, sie hat alles ausbaden müssen und trotzdem ... Da gehört eigentlich auch sie selig gesprochen.
Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau, heißt es. Ist Franziska Jägerstätter ein Paradebeispiel einer Frau, die die Zügel in der Hand hatte?
Diese Geschichte hat nichts mit „Zügel-in-der-Hand-haben“ zu tun. Das war eine Entscheidung von Franz, die ohne Kompromisse von Franziska mitgetragen wurde. Sie ist 100prozentig zu ihm gestanden und war genauso von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt.
Jägerstätter: Weil der oberösterreichische Bauer und Messner Franz Jägerstätter (*20. Mai 1907 in St. Radegund) 1943 aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerte, wurde er wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt und am 9. 8. 1943 hingerichtet. Am 26. 10. 2007 wurde er im Linzer Mariendom selig gesprochen. Die Seligsprechung spiegelte die veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung von Kriegsdienstverweigerung und Desertion im NS-Staat wider, die nicht mehr als „Vaterlandsverrat“ denunziert, sondern als Widerstandshandlungen anerkannt wurden.
Stück: Der Theatersommer Haag bringt die Uraufführung des Stücks „Jägerstätter“ von Felix Mitterer. Mitterer stützte sich beim Schreiben auf die Arbeiten von Erna Putz. Sie hat u. a. den Briefwechsel zwischen Franz und seiner Frau Franziska herausgegeben.
Termine: Unter der Regie von Stephanie Mohr stehen auf dem Haager Hauptplatz insgesamt 22 „Jägerstätter“-Vorstellungen von 3. Juli bis 9. August 2013, dem 70. Todestag Franz Jägerstätters, am Spielplan. Weitere Informationen: Telefon 07434/44600;

