Kategorie: Presseartikel
Von: Bernhard Lichtenberger
Franz Jägerstätters Gewissen kannte kein Erbarmen
OÖ Nachrichten, 22. Juni 21013 - Bühnenkunst: Uraufführung von Felix Mitterers „Jägerstätter“ im Theater in der Josefstadt – Ab 3. Juli in Stadt Haag
Der Tiroler Dramatiker Felix Mitterer wirft all diese Fragen in seinem Leidensdrama „Jägerstätter“ auf, hütet sich aber davor, zu urteilen. Er hat tief geschürft, um einen Lebensweg freizulegen, der am 9. August 1943 mit der Enthauptung des Innviertler Bauern und Kriegsdienstverweigerers endete, der im Jahr 2007 selig gesprochen wurde.
Voll Lebenslust
Der uneheliche Sohn einer Stalldirn aus St. Radegund entfaltet sich vom naiven Lackel zum belesenen Christen, der die Vorgänge in der Welt verstehen und sich eine eigene Meinung davon machen möchte. Er braust als Erster mit einem Motorrad durch die Gegend, schiebt den Kinderwagen durchs Dorf, als das einem Mann noch verpönt galt. Dem ernsthaft Denkenden ist die Lebenslust nah.
Nicht nur diese Züge gehen Gregor Bloéb leicht von der Hand. Er füllt jeden Charakterwinkel und Gefühlszustand der Titelfigur leidenschaftlich aus, vom einfältigen Hochzeitswerber über den aufbrausenden Anschluss-Gegner bis zum Verzweifelten, den seine Seelennöte zu zerreißen drohen, bevor er mit seiner kompromisslosen Überzeugung seinen Frieden macht.
Mitterer schält die innige Liebe zwischen Franz und Franziska heraus. Die zart gebaute, bravourös spielende Gerti Drassl zeigt sie als starke, standhafte Frau, die Anfeindungen trotzt, Familie und Hof zusammenhält und bis zur letzten Konsequenz zu ihrem Mann steht, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre, hätte Jägerstätter einen der angebotenen Auswege gewählt, um der Hinrichtung zu entgehen.
Im Sinne des Autors hat Regisseurin Stephanie Mohr auf jegliche Nazi-Symbolik verzichtet, die Jägerstätter-Kinder als Stoffpuppen eingefügt und den Bewohner-Chor als opportunische Ankläger und rhythmisches Geräuschensemble eingesetzt. In Stomp-Manier erzeugen sie mit Ketten, Blechkübeln und Schaufeln die wuchtige Klangkulisse eines Stahlwerkes oder stampfen den Exerziermarsch, während Franz und Franziska ihren Briefwechsel zitieren.
Im holzgetäfelten, von Miriam Busch gestalteten streng-schlichtem Bühnenkasten, der für jeden Ort der Handlung herhält, vom Wirtshaus bis zur Berliner Gefängniszelle gelingen in der straffen Inszenierung mit einfachen Tischen und Stühlen grandiose Szenen. Die von Franziska mühsam zu einer Wand gerückten, hochgekippten Tische werden mit einem Ruck umgestoßen – und sind mit den hochragenden Holzbeinen im nächsten Moment der Friedhof der Gefallenen.
Ein gediegenes Ensemble, aus dem sich Elfriede Schüsseleder als verbitterte Jägerstätter-Mutter und Dominic Oley als zynischer Pflichtverteidiger hervorspielen, umkränzt die beiden Lichtgestalten. „Jägerstätter“ berührt, regt an, beschämt, treibt Wasser in die Augen und nimmt die Kirche ordentlich ins Gebet, deren Obrigkeit sich dem Schreckensregime nicht verwehrt hatte. Großartiges Theater!
„Jägerstätter“: Theaterstück von Felix Mitterer, Theater in der Josefstadt (Uraufführung, 20. Juni); vom 3. Juli bis 9. August beim Theatersommer Haag; Wiederaufnahme in Wien ab 14. September.
OÖN Bewertung:
Der Autor
Felix Mitterer: Der laut Eigendefinition „Heimatdichter und Volksautor“ kam 1948 in Achenkirch in Tirol zur Welt. Sein erstes Stück „Kein Platz für Idioten“ wurde 1977 uraufgeführt, verfilmt wurden u. a. „Sibirien“ und „Verkaufte Heimat“. Seine TV-Satire „Die Piefke-Saga“ schlug 1991 ein. Aus der Feder von Mitterer, der mehrere Jahre in Irland lebte, stammen auch die Drehbücher zu zwölf „Tatort“-Folgen. Mitterer und seine Frau Chryseldis haben eine Tochter, Anna.


