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21.06.2013 08:29 Alter: 3 Jahre
Kategorie: Presseartikel

Mitterers “Jägerstätter” an der Josefstadt

Mottingers-Meinung.at, 21. Juni 2013 - Gerti Drassl und Gregor Bloéb sind ein Traumpaar


Gerti Drassl; Dominic Oley, Stefan Lasko, Gregor Bloéb, Peter Drassl, Christian Dolezal, Michael Schönborn, Peter Scholz, Matthias Franz Stein
Bild: Moritz Schell

Zum Schluss der Wiener Theatersaison noch eines der schönsten, schrecklichsten, berührendsten, beklemmendsten Stücke des Jahres. Felix Mitterer hatte schon Recht, als er im Gespräch sagte, man ginge “fix und fertig” aus dem Theater. Und doch irgendwie froh, dass es Menschen, wie ihn gegeben hat, Franz, den oberösterreichischen Bauern, der den Nazis aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigerte, und deshalb hingerichtet wurde. Mitterers “Jägerstätter” wurde nun am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Die Koproduktion ist dann ab 3. Juli beim Theatersommer Haag zu sehen.

Für viel Pathos wäre da Platz. Und für viele Probleme. Denn Franz und seine Ehefrau Franziska können nach seiner Festnahme nur noch brieflich kommunizieren. So etwas könnte einen im Zuschauersessel in die Duldungsstarre drücken. Und dann noch ein Chor! Griechische Tragödie, oder was? Doch, wenn jemals eine Bühnenkonstellation beglückend war, dann diese: Mitterer legte sein Stück in die richtigen Hände, die von Regisseurin Stephanie Mohr und die beiden Hauptdarsteller Gerti Drassl und Gregor Bloéb. Unglaublich, was zwischen den beiden auf der Bühne abgeht. Mitten im Albtraum sind sie ein Traumpaar. Es entsteht eine Energie, ein Sog, eine Eindringlichkeit – und das, wo das erzählte eh kaum zum Aushalten ist.

Mohr inszeniert mit einem Gefühl, das man nur als Instinkt bezeichnen kann. Sitzt, passt und nimmt dem Publikum den Atem. Mit einfachsten, einfallsreichsten Mitteln (Bühnenbild Miriam Busch) lässt sie eine Art Bauernstube mit Krickerln an der Wand zum Bauernhof, Wirtshaus, Hochofen Eisenerz, schließlich Gefängnis werden. Alle Darsteller sind stets anwesend, Handlungen laufen teilweise zeitgleich ab. Aus dem Chor, der Stammtischstimme des “Volkes”, der Jägerstätter Verrat, Feigheit, Fahnenflucht vorwirft, lässt sie einzelne Stimmen hervortreten und wichtige Sätze betonen. Sehr gelungen etwa eine Szene am Hochofen, in der die eine Partei “Der Führer” von Herbert Böhme rezitiert, während die andere Bert Brechts “Der Kälbermarsch” dazwischenbrüllt: “Hinter der Trommel her/Trotten die Kälber/das Fell für die Trommel/Liefern sie selber.” Die Augen fest geschlossen, mit ruhigem festen Tritt … Auch die Briefe zwischen Franz und Franziska unterteilt sie in kürzere Passagen, so dass Drassl und Bloéb trotz der Entfernung von Radegund nach Berlin in Dialog treten. “Herzallerliebste Gattin” schreibt er. Und, dass sie die Sensen einfetten soll, damit sie nicht rosten. Sie berichtet vom Aufwachsen der drei Töchter und von der Ernte. So mischt Mohr den bäuerlichen Alltag mit brutalen Szenen. Franz gefoltert, Franziska verloren in Einsamkeit, schriftlich spielen sie ihr Leid herunter: “Man hat mir hier ein hübsches Kämmerlein für mich allein gegeben …” Surreal!

Das Ereignis des Abends ist Bloéb. Wie er sich vom Steiger und Raufbold zum liebevollen Ehemann und Vater entwickelt. Ein ehemaliger Hallodri, der so gern lebt, so gern lacht – und Bloéb tut das laut und herzlich -, der aber durch seine Weitsicht, sein Gewissen nicht hinnehmen kann, nicht hinnehmen will, was das Nazi-Regime an Gräueltaten verübt. Selbst als ihn die “Mutter Kirche” mit seinem Ansinnen im Stich lässt. Auch Kirchenobere sind letztlich Politiker. Drassl gibt anfangs, als Franz ihr den Antrag macht, die Strenge, bleibt nach außen die Starke, die Kämpferin um Gerechtigkeit. Ihre Knie versagen erst, als sie Franz ein erstes und letztes Mal in Berlin besuchen darf … anrührend, erschütternd. Durch Mark und Bein fährt es einem, wenn Bloéb nach dem x-ten hinterfotzigen Angebot des Anwalts sich seine Verzweiflung aus dem Leib schreit: Man möge ihn doch endlich zum Tode führen. Eine Wahnsinnsleistung der beiden. Sie stellen nichts dar, sie sind.

Doch Mitterers Drama ist ein Ensemblestück – und alle zeigen das Beste: Elfriede Schüsseleder als Franz’ Mutter; Michaela Schausberger als die Mutter von Franz’ ledigem Kind; Michael Schönborn als Ortsgruppenleiter (der Bruder, Kardinal Christoph Schönborn, saß im Zuschauerraum); Matthias Franz Stein als Pfarrer Fürthauer, Stefan Lasko als Bürgermeister – beide wollen Franz “Vernunft” einimpfen -; Christian Dolezal als Großbauer Rudi, Franz’ größter Widersacher; Peter Scholz als Bischof von Linz, der ihm sogar den Segen verweigert; Gertis Vater Peter Drassl, der als Offizier in Enns Jägerstätter zu Hilfe kommen will, indem er ihn zur Sanität steckt – zu spät -; Dominic Oley als Anwalt in Berlin. Sie alle machen den Abend zum Ereignis. Bravo!

Zum Schluß lässt Mohr die “Ausreden” verlesen, die Franziska Jägerstätter lange Jahre um eine Witwenrente brachten. “Bibelforscher” und Adventisten seien keine Helden. Erst 1950 wurde sie nach dem Kriegsopferfürsorgegesetz entschädigt. Man kann den Leib brechen, nie die Seele. Kein Folterer, kein Henker kann dem Menschen das Menschsein nehmen. Sagte Pablo Nerudo. 2007 wurde Franz Jägerstätter selig gesprochen.