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19.06.2013 09:59 Alter: 3 Jahre
Kategorie: Presseartikel
Von: Christiane Fasching

„Kein bigotter Kerzlschlucker“

Tiroler Tageszeitung, 19. Juni 2013 - Im TT-Interview erklärt Gregor Bloéb Franz Jägerstätter zu seinem „Verbündeten“, analysiert Opferrollen und vergleicht die Mechanismen der Kirche mit jenen eines Rodelvereins.


Foto: Moritz Schell

Der Anstoß für die Dramatisierung von Franz Jägerstätters Leben kam von Ihnen. Was fasziniert Sie so an dieser Figur?

Gregor Bloéb: Das Schicksal von Franz Jägerstätter hat mich seit meinen Jugendjahren beschäftigt. Ausschlaggebend dafür war Axel Cortis Dokumentation, die mich wahnsinnig berührt hat. Zumal ich in meiner Pubertät große Schwierigkeiten mit der Obrigkeit hatte – und in Jägerstätter hab’ ich da quasi einen Verbündeten gefunden, selbst wenn sein Aufbegehren ganz andere Konsequenzen als das meine hatte. Was mich bis heute fasziniert, ist, dass er kein bigotter Kerzlschlucker war, sondern ein wilder „Raffer“ und – wenn man so will – auch ein „Weiberer“. Er hatte ja auch ein lediges Kind, zu dem er aber gestanden ist. Als einer der Ersten ist er mit dem Kinderwagen durchs Dorf gegangen. In seiner Geradlinigkeit und Trotzigkeit war er ein ganz besonderer Mensch.

2007 wurde Jägerstätter selig gesprochen. Doch als er 1943 den Kriegsdienst verweigerte, wandte sich die Kirche von ihm ab, was letztlich zu seiner Hinrichtung führte. Ist das nicht ein scheinheiliges Verhalten?

Bloéb: Man darf nicht vergessen, dass das eine ganz andere Zeit war. Und vielleicht muss man auch verstehen, dass der damalige Linzer Bischof nicht auf seiner Seite war – er hatte Angst, dass ihm die Gestapo im Nacken sitzt oder Menschen aus seinen Reihen verhaftet werden. Im Stück soll auch vermittelt werden, dass es kein ultimatives „Richtig“ oder „Falsch“ gibt. Dass die Kirche Jägerstätter jetzt verherrlicht, nachdem sie ihn davor fallen gelassen hat, ist für Vereine ja nicht untypisch. Wenn’s dort einen Star gibt, wird der gepusht – egal, was irgendwann mal war. Was die Mechanismen anbelangt, unterscheidet sich die Kirche da in keinster Weise von einem Rodelverein.

Von Ihnen stammt die Aussage „Der Fall Jägerstätter gleicht dem von Natascha Kampusch“. Wie ist das zu verstehen?

Bloéb: Ich hab’s ein wenig anders formuliert, aber im Grunde wollte ich damit ausdrücken, dass sich die Gesellschaft beim Umgang mit Opfern schwertut. Reagieren die Opfer – oder deren Angehörige – anders, als man es erwartet oder verlangt, schlägt das Mitleid in eine Verurteilung um. Dazu passt das Beispiel von Natascha Kampusch leider perfekt. Und auch Jägerstätters Witwe Franziska wurde über viele Jahre hinweg verurteilt – sie hat sein Vermächtnis bewahrt und das hat den Menschen nicht gefallen. Man warf ihr sogar vor, dass sie sich mit dem Märtyrer-Tod ihres Mannes brüstet. Für mich ist bzw. war sie eine unglaublich starke Frau, die über 70 Jahre hinweg das Bild ihres Mannes verteidigt hat.

Jägerstätters Witwe Franziska ist im März 100-jährig gestorben. Sie haben Sie aber noch kennen gelernt.

Bloéb: Ich war bei der Feier zu ihrem 100. Geburtstag dabei und bin dann wenige Wochen später an ihrem Grab gestanden. Und beides war sehr ergreifend und auch schön.

War Franziska Jägerstätter in die Entstehung des Stückes miteingebunden?

Bloéb: Ja – denn nachdem Felix (Mitterer; Anm.) den Auftrag angenommen hatte, war ihm anfänglich nicht ganz klar, wie er an den Stoff herangehen sollte. Erst durch die Besuche bei Franziska ist er draufgekommen, was der Kern der Geschichte ist – und im Grunde genommen ist es eine große Liebesgeschichte. Kurzzeitig war dann auch der Gedanke da, das Stück „Franz und Franziska“ zu nennen.

„Jägerstätter“ ist ab Juli auch beim Theatersommer Haag zu sehen, wo Sie heuer letztmalig als Intendant tätig sind. Ist so ein schwerer Stoff das Richtige für ein Sommertheater?

Bloéb: Mir war als künstlerischer Leiter immer wichtig, dass mein Programm in Haag aus Qualität besteht – sprich: gute Stücke, gute Schauspieler, gute Regisseure, gutes Team. Mehr braucht der Zuschauer auch nicht zu wissen (lacht). Nur auf Lustig-lustig-tralala-Produktionen zu setzen, macht keinen Sinn, wenn man die Zuschauer fordert, wird man auch dafür belohnt.

Sie haben seit 2008 in Haag gewirkt – warum wollten Sie nicht mehr?

Bloéb: Die Arbeit in Haag war wunderbar und ich hab’ sie auch gern gemacht. Aber logistisch war es einfach schwierig für mich: Zwischen Tirol und Haag liegen 360 Kilometer, das ist kein Katzensprung. Und nach fünf Sommern in Haag ist’s dann auch wieder genug, ich freu mich auch einmal auf einen Sommer daheim.

Im Herbst startet die Neuverfilmung des Komödien-Klassikers „Im weißen Rössl“, wo Sie den schönen Sigismund mimen – größer könnte der Spagat zwischen Tragik und Komik wohl nicht sein...

Bloéb: Ist das nicht wahnsinnig schön? Das Wunderbare an diesem Beruf ist ja, dass man in so unterschiedliche Rollen schlüpfen darf – und darüber bin ich unglaublich froh. Ich hab’ echt den lässigsten Job der Welt, weil ich tun kann, was mir Spaß macht.

Das Gespräch führte Christiane Fasching