Kategorie: Presseartikel
Gerti Drassl: „Dann packt's mich wahnsinnig“
Die Presse, 18. Juni 2013 - Gerti Drassl über ihre Begegnung mit Franziska Jägerstätter, ernstes Sommertheater, die Liebe zum Erzählen und Preise, die sie nie behält.
In Südtirol, sagt Gerti Drassl, kennt man ja „eher Josef Mayr-Nusser“ – jenen Südtiroler Katholiken, der den SS-Eid verweigert und mit seinem Leben bezahlt hat. Erst vor zwei Jahren, als Drassl gemeinsam mit Gregor Bloéb bei den Sommerspielen Haag Regie führte, hörte sie bewusst von Franz Jägerstätter. „Gregor hat mir erzählt, dass er diese Geschichte schon lang in sich trägt.“ Eine Liebesgeschichte – zwischen dem Katholiken und Kriegsdienstverweigerer, der sich damit auch weigerte, sein Leben zu retten, und seiner Frau, die ihn darin unterstützte.
Nun spielt die Südtirolerin Drassl in Felix Mitterers neuem Stück diese Frau. Sie habe das Glück gehabt, erzählt sie beim Gespräch im Theater in der Josefstadt, Franziska Jägerstätter noch zu treffen, bevor sie im März kurz nach ihrem 100. Geburtstag starb. „Eine tolle, herzliche und ein bissl verschmitzte Ausstrahlung“ habe Jägerstätter gehabt, erinnert sich Drassl. „Wia so a jungs Madl is sie do gwesn.“
Wie ein junges Mädchen wirkt auch die 35-Jährige, vor allem dann, wenn sie in ihren Bozener Dialekt verfällt. Der genau genommen aus Eppan im Überetsch stammt, „schon im Nachbardorf spricht man anders. Andererseits: Meine Mama kommt aus Kaltern – wahrscheinlich bin ich schon ein Mischmasch.“
Wie es sei, Franziska Jägerstätter zu spielen? „Man fängt an viel nachzudenken, auch im Kleinen. Wie geht man damit um, wenn sich der Partner plötzlich verändert?“ Der Rolle habe sie sich vor allem über die Briefe angenähert, die sich das Paar – er aus dem Gefängnis – schrieb. Besonders nahe gehe ihr einer der ersten Briefe, den Franziska Jägerstätter nach dem Tod ihres Mannes schrieb: „Sie sagt, dass sie hofft, dass er das für sich Richtige getan hat. Wenn ich das hör, dann packt's mich wahnsinnig“, sagt sie. Schluckt. „Jetzt wieder.“
Premiere hat das Stück am morgigen Donnerstag, weiter gespielt wird es in der Josefstadt erst im Herbst. Dazwischen beim Theatersommer Haag, mit dem es gemeinsam entstanden ist. Nicht gerade leichte Kost für ein Freilichttheater, wo mitunter „ein Vogel zwitschert oder die Eisenbahn vorbeifährt.“ Ja, es sei „ein großer, neuer Schritt, der da gewagt wird. Man bringt sommerliche Laune mit, aber warum sollte man nicht bereit sein für eine Geschichte, die ans Herz geht und zum Nachdenken bringt?“
Drassl selbst mag Freilichtspiele, „aber ich bin auch mit ihnen groß geworden“. Südtirol habe eine rege, große Theaterszene, fast jedes Dorf hat eine Theatergruppe. Ihr Vater leitete eine davon – und spielt nun im Jägerstätter-Stück einen Offizier. Trotzdem begann Drassl eigentlich mit Ballett. Bis sie 19 war, trainierte sie beinahe täglich; auch wenn schon Jahre zuvor ein Austausch mit der Berliner Oper „ein Schock“ gewesen war. „Das war so hart und streng, zum ersten Mal habe ich realisiert, dass ich Grenzen hab.“ Nach der Matura ging sie nach Wien. „Ich hab gedacht, mit dem Ballett schaff ich die Aufnahme ins Reinhardt-Seminar locker. Nada.“ Also studierte sie ein Jahr Kunstgeschichte, beschäftigte sich mit zeitgenössischem Tanz. Beim nächsten Mal ging alles gut. „Dort bin ich wie ein Hefekrapfen aufgegangen vor lauter Glück.“
Auf der Berlinale wurde Drassl für zwei Prochaska-Filme mit dem Deutschen Schauspielerpreis ausgezeichnet. Sie habe sich gefreut – und den Preis an ihre Agentin weitergereicht. „Der Moment des Kriegens ist ein schöner, aber ich gebe Preise immer weiter, an Leute, die mir geholfen haben.“ Was für sie wirklich zähle, sei das Geschichtenerzählen. „Ein Urbedürfnis, das Beste überhaupt.“ Der Moment, „in dem man losgelöst ist von allem und erzählt – das sind die wahren Preise. Von denen hab ich noch zu wenig.“

